Bundesamt für Naturschutz

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Naturschutzgroßprojekt „Hohe Schrecke – Alter Wald mit Zukunft“

Hintergrund

Naturnaher Buchenwald in der Hohen Schrecke im Bereich des Wiegentales. Foto: Ralf Forst
Wald mit einzelnem Baum im Vordergrund

Bei der Hohen Schrecke handelt es sich um einen der größten unzerschnittenen bodensauren Buchenmischwälder Mitteleuropas (z. B. Waldmeister-Buchenwald und Hainsimsen-Buchenwald), in dem sich zum Teil urwaldähnliche Bestände befinden. Die Schutzbedürftigkeit der buchengeprägten Wälder in der Hohen Schrecke steht dabei im Kontext zur Situation der Buchenwälder in Deutschland. Insgesamt trägt Deutschland die Verantwortung für den Schutz von immerhin 18 % des aktuellen europaweit bekannten Buchenbestandes (ca. 9 Mio. ha). Etwa 75 % des gesamten europäischen Vorkommens von Hainsimsen-Buchenwäldern befinden sich in Deutschland. Darüber hinaus weist das Gebiet auch großflächige Eichen- und Eichenmischwälder auf (Sternmieren-Eichen- und Labkraut-Eichen-Hainbuchenwälder). Bemerkenswert sind zudem die Schlucht- und Hangwälder mit einem hohen Anteil an Alt- und Totholz.

Stellenweise sind die geschlossenen Waldflächen an ihren Rändern mit zum Teil großen Streuobstwiesen und Halbtrockenrasen verzahnt. Durch Ihre Geschlossenheit bietet die Hohe Schrecke vor allem einen bedeutenden Lebensraum für Wildkatze, Schwarzstorch und Rothirsch. Insgesamt verzeichnet das Fördergebiet eine große Zahl an seltenen und gefährdeten Arten, Es kommen 14 Fledermausarten (darunter befinden sich stark gefährdete Arten wie Mopsfledermaus und Bechsteinfledermaus) vor, ferner Grauspecht, Raubwürger, Wendehals und Kammmolch. Darüber hinaus konnten viele holzbewohnende (xylobionte) Käfer (darunter neun Urwaldrelikt-Arten), die speziell auf Alt- und Totholz angewiesen sind, 220 Großpilzarten sowie Orchideen wie Frauenschuh, Bienen-Ragwurz und Dreizähniges Knabenkraut nachgewiesen werden.

Das gesamte Fördergebiet der Hohen Schrecke, welches den in Thüringen gelegenen Teil der Hohen Schrecke sowie die südwestlich angrenzende Beichlinger Schmücke umfasst, ist nicht nur von herausragender nationaler Bedeutung, sondern als Bestandteil des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 gleichsam international bedeutsam.

Das Projekt

Alter Wald in der Hohen Schrecke
Foto: Thomas Stephan
Wald mit umgestürzten Bäumen

Das Leitbild des Projektes sieht für die zukünftige Behandlung des Waldes im 7321 ha großen Fördergebiet einen integrierten Naturschutz auf möglichst ganzer Fläche vor. Großflächig ungenutzte Waldbereiche (Prozessschutzflächen) sollen mit einem besonders naturnah genutzten Wirtschaftswald eng verzahnt werden. Eine nachhaltige, naturschutzoptimierte Waldnutzung soll unter Einbeziehung natürlicher, selbstregulierender Prozesse der Waldentwicklung erfolgen. Auf diese Weise wird beabsichtigt, einen möglichst naturnahen Zustand herbei zu führen, der den dort lebenden Arten, insbesondere den wertgebenden Arten alter Waldbestände, möglichst günstige Lebensbedingungen bietet. Darüber hinaus ist es das Ziel, die an den Wald angrenzenden wertgebenden Biotope des Offenlandes wie Halbtrockenrasen, Streuobstwiesen und extensive Mähwiesen zu erhalten bzw. zu entwickeln.

Die einzelnen fachlichen Zielsetzungen, die sich aus den Gefährdungen und dem Leitbild für den Wald ergeben, sind:

  • Etablierung eines Biotopverbundes aus nutzungsfreien Waldflächen zur Gewährleistung natürlicher, selbstregulierender Prozesse der Waldentwicklung
  • Umsetzung einer besonders naturnahen Waldbewirtschaftung im Wirtschaftswald
  • Besondere Berücksichtigung der Eichenlebensräume
  • Entwicklung der Nadelholzbestände hin zu stabilen, naturnäheren Mischwäldern
  • Renaturierung der Waldfließgewässer und Stillgewässer.

Neben dem Erhalt und der naturschutzgerechten Entwicklung der Waldökosysteme soll das Gebiet u. a. eine wichtige Funktion im überregionalen Biotopverbund übernehmen (z. B. Wildkatzenkorridor).

Zur Projektzielerreichung können neben dem Erwerb und längerfristiger Pacht von privaten Flächen auch Ausgleichszahlungen für entgangene Nutzungsgewinne oder für den Abkauf des dauerhaften Nutzungsverzichtes zur Schaffung von dauerhaft festgeschriebenen Prozessschutzflächen mit Projektfördermitteln unterstützt werden. Darüber hinaus werden zahlreiche biotopersteinrichtende Maßnahmen durchgeführt, wie z. B.:

  • Planung, Pflanzung und Erstpflege von Mittelwald
  • Entwicklung lichter Waldlebensräume
  • Anreicherung liegenden Eichentotholzes
  • Spezielle Artenschutzmaßnahmen (Fledermäuse, Hirschkäfer, Frauenschuh)
  • Schaffung der Durchgängigkeit bei Fließgewässern, Renaturierung der Bachauen
  • Deaktivierung des Grabensystems im Plateau-Bereich der Hohen Schrecke.

Streuobstwiesen im nördlichen Fördergebiet der Hohen Schrecke.
Foto: Ralf Forst
Wiesen mit Streuobst im nördlichen Fördergebiet der Hohen Schrekce

Darüber hinaus werden Maßnahmen im Offenland sowie in den sog. Erweiterungsflächen durchgeführt (z. B. mit Ergänzungspflanzungen in den Streuobstwiesen).

Charakteristisch für das Projekt - das aus dem Bundeswettbewerb idee.natur als einer der fünf Sieger hervorging - ist, dass hier nicht nur Naturschutzmaßnahmen gefördert, sondern gleichzeitig eine naturschutzgerechte Regionalentwicklung (z. B. Planung touristischer Angebote, Verbesserung der Regionalvermarktung) erreicht werden soll.

Im Projekt I wurde in enger Abstimmung mit der Region als Planungsgrundlage für die Projektumsetzung der flächenscharfe Pflege- und Entwicklungsplan für die Fördergebiete erstellt. Für das Projekt II (die Umsetzungsphase) werden seit 2013 für die insgesamt 10-jährige Laufzeit rd. 12,4 Mio. € zur Verfügung gestellt, wobei der Bund 9,3 Mio. € und der Freistaat Thüringen 1,9 Mio. € übernehmen. Die Naturstiftung David als Projektträger beteiligt sich mit 1,2 Mio. €.


Ausblick

In allen Maßnahmenbereichen konnte mit der Umsetzung von ersten Projektmaßnahmen, die zunächst schwerpunktmäßig die Sicherung von Waldwildnisflächen zum Ziel hatten, begonnen werden. Dadurch konnte die Fläche der Wildnisflächen im geschlossenen Waldbereich der Hohen Schrecke auf inzwischen rd. 1.850 ha erweitert werden. Als weitere Maßnahmen werden u. a. vorangetrieben:

  • Erwerb bzw. Vereinbarungen zu einem dauerhaften Nutzungsverzicht von schützenwerten Altholzinseln
  • Umsetzung eines Habitatbaumkonzeptes (Gemeinden Oberheldrungen und Hauteroda)
  • Herrichtung von fledermausgerechten Bunkeranlagen
  • Umsetzung von Maßnahmen zur Durchgängigkeit der Fließgewässer und Aufwertung der Standgewässer
  • Wiedervernässung des ehemaligen Panzerschießplatzes nach Entmunitionierung
  • Entbuschungen und Nachpflanzungen im Bereich Oberheldrungen, Reinsdorf und Beichlingen sowie
  • Planung und Umsetzung von Besucherlenkungsmaßnahmen zum Wanderwegenetz.

An den geschlossenen Waldbestand angrenzende Pflegeflächen im Naturschutzgroßprojekt „Hohe Schrecke“.
Angrenzende Pflegeflächen an den geschlossenen Waldbestand

Die Projektmaßnahmen werden durch eine projektbegleitende Informationsarbeit für die Öffentlichkeit (u. a. mit Erarbeitung eines neuen Internetauftritts, der fortlaufenden Erstellung des Hohe-Schrecke-Journals, Exkursionen und Bürgerabenden) unterstützt. Eine weiterhin enge Abstimmung und Zusammenarbeit soll mit dem Projektteil zur Umsetzung von Regionalentwicklungsmaßnahmen erfolgen. Zukünftig eintretende Entwicklungen im Gebiet der Hohen Schrecke sollen durch Erfolgskontrollen, u.a. Baumhöhlenkartierung und das Fotomonitoring sowie zur Entwicklung ausgewählter Ziel- und Indikatorarten (Wildkatze, Vögel und Fledermäuse) begleitet werden.

Publikationen/weiterführende Links

 Hohe Schrecke

 Naturstiftung David

Laufzeit

Projekt I: 01. Juli 2009 bis 31. August 2012

Projekt II: 20. September 2013 bis 31. August 2023

Förderprogramm

Errichtung und Sicherung schutzwürdiger Teile von Natur und Landschaft mit gesamtstaatlich-repräsentativer Bedeutung -  Naturschutzgroßprojekte

 Hohe Schrecke

Projektnehmer

Naturstiftung David
Projektbüro "Hohe Schrecke"
Heidelbergstr. 1
06577 Braunsroda
Tel.: 034673/78903
Fax: 0361/55503-39

E-Mail: projektbuero@naturstiftung-david.de  

Beteiligte Partner

  • Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB)/Bundesamt für Naturschutz (BfN)
  • Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz
  • Naturstiftung David

Fachbetreuung

Ralf Forst, FG II 2.3 "Gebietsschutz/Großschutzgebiete"

Weitere Informationen